FlyerNudging-page-001Am 28. Mai durften wir Johannes Richardt vom Magazin NovoArgumente bei uns im Hayek Club begrüßen. Knapp 20 Interessierte zogen den Vortrag dem Karlsruher Relegationsspiel zur Bundesliga vor und wurden dafür mit einem pointierten Vortrag und einer kontroversen Diskussion belohnt.

Nudging?! – Was ist das überhaupt?

Richardt begann mit einem eher harmlosen Beispiel aus der Wirtschaft. Welche Männer kennen es nicht: Die Zielobjekte in den Pissoirs, die einem zum „gezielten Schuss“ animieren sollen? Seit 1999 klebt in den Toiletten des Amsterdamer Flughafens Schiphol eine Fliege im Pissoir. Ein Manager glaubte, dass dadurch der Verschmutzung auf den Toiletten entgegengewirkt werden konnte – und behielt Recht.

Natürlich ist dieses Beispiel nicht als Gefahr für unsere Freiheit ins Feld zu führen, konstatierte Richardt, allerdings sollten freiheitlich gesinnte Menschen dieses Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen. Beim „Nudging“ geht also um das „anstubsen/schubsen“ der Menschen in die „richtige“ Richtung. Man kann sich hierbei jedoch auch dagegen entscheiden.

Fürsorge oder Manipulation?

Richardt betonte, dass wir in einer immer paternalistischer werdenden Gesellschaft leben. Politiker aus allen politischen Lagern möchten den einzelnen Bürger mit wachsendem Eifer in eine bestimmte Richtung therapieren, lenken und neuerdings auch schubsen. Er stellte die Frage, ob wir es der Politik gestatten wollen, diese Mittel einzusetzen, um ihre politischen Ziele durchzusetzen. Darf eine berufene, wissenschaftliche Elite „Psychotricks“ für die Bevölkerung entwerfen?

Nudging – Nichts neues

Die einflussreiche Werbeindustrie setzt seit jeher auf die subtile Beeinflussung des Konsumenten. Überlegen wir, wie Waren im Supermarkt präsentiert werden oder wie NGOs mit niedlichen Robbenbabys Spenden akquirieren. Richardt plädiert dafür, dass die Unternehmen die Kunden wieder ernster nehmen sollen, erkennt aber auch an, dass diese das Recht haben, so zu handeln – auch, wenn ihm das nicht gefällt.

Die Demokratie – Argumente statt Schubsen

Beim staatlichen Nudging kritisiert Richardt, dass der Staat nicht die demokratische Legitimation hat, die Bürger durch „Nudging“ zu beeinflussen. Wörtlich: „Die demokratische Kernidee verkehrt sich in ihr Gegenteil, wenn sich die Regierenden nicht mehr als Repräsentanten der Bürgerinteressen sehen, sondern die Menschen nach ihren Vorstellungen eines „richtigen“ Lebens umformen möchten.“

Irren ist menschlich

Menschen machen Fehler und handeln nicht immer rational. Mit dieser Tatsache rechtfertigen einige Verhaltensökonomen die Nudges, die den Menschen zu mehr Rationalität schubsen sollen. Bekannt ist das Buch „Nudge“ von den US-Wissenschaftlern Cass Sunstein und Richard Thaler aus dem Jahr 2008, womit das Thema noch einmal an Fahrt aufgenommen hat. Auch der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Daniel Kahnemann ist mit seinem Buch „Thinking – Fast and Slow“ ein Pionier auf dem Gebiet der Verhaltensökonomik.

Negatives Menschenbild

Doch von welchem Menschenbild gehen die „Nudger“ aus? Richardt kritisiert, dass der Mensch mit einer einseitig negativen Sicht behandelt wird – „ein schutzbedürftiges Mängelwesen“. Eine sehr pessimistische und fatalistische Sicht, die dem Menschen nicht gerecht sei. Vielmehr sollte man in humanistischer Tradition auf den Versuch und den Irrtum bauen, damit Menschen aus ihren Fehlern lernen können.

Eine linke Idee?

Ein Vordenker der sogenannten Neuen Linken war Herbert Mercuse, der in seiner Theorie des „falschen Bewusstseins“ und der „falschen Bedürfnisse“ bereits in den 1960ern Thesen aufstellte, die dem Nudging ziemlich ähnlich sind. Nudging stehe aber eher in der Tradition der „Theorien negativer Autorität“. Diese legitimierten in der Mitte des 19. Jahrhunderts die wenig demokratische Herrschaft der Eliten, so der britische Soziologe Frank Furedi. Ebenfalls stellt Richardt den US-Intellektuellen Walter Lippmann vor, der in seinem Buch „Public Opinion“ (1922) aufzeigt, wie irrational Menschen agieren und wie beeinflussbar sie sind. Gründe, um die Bevölkerung zu lenken.

Diskussion

Nach diesem Ausschnitt aus dem Vortrag sollen auch einige Punkte aus der sehr kontroversen Diskussion zusammengefasst werden. Eingewendet wurde, dass die Menschen sich sehr wohl in der politischen Entscheidungsfindung für das Nudging entschieden haben. Als Beispiel diente hier die Energiewende, zu der die Menschen freiwillig Nudges fordern würden, um mehr Energie aus den erneuerbaren Quellen zu beziehen. Auch wurde festgehalten, dass der Unterschied zwischen Staat und Wirtschaft evident sei. Ein Staat würde in seinem Nudge absolut handeln und der Bürger kann sich dem nicht entziehen. In der Wirtschaft stehen dafür die Nudges selber im Wettbewerb und heben sich somit vielleicht auch zum Teil auf.

 

Der Hayek Club Karlsruhe bedankt sich nicht nur bei Johannes Richardt für seinen sehr informativen Vortrag, sondern auch bei COMPASS, einem Versicherungsbroker und Partner des IfAAM-Instituts.

Ein ausführlicher Artikel von Johannes Richardt zum Thema ist hier zu finden.